Dr. Abed Schokry hat 17 Jahre in Deutschland gelebt, an der TU-Darmstadt Maschinenbau studiert und in Berlin im Fach Biomedizinische Technik promoviert. Im Jahr 2007 ist er nach Gaza zurückgekehrt und lehrt jetzt an der Universität in Gaza City. Regelmäßig verschickt er Informationsbriefe über die Lebenssituation im Gazastreifen.


Sehr geehrte Damen und Herrn 

Liebe Freundinnen und Liebe Freunde,

Gaza am 08ten April, 2018

Ich bin verzweifelt und ich bin auch wütend.

Gaza wehrt sich gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen, gegen die völkerrechtliche Abriegelung, die den Gazastreifen zu einem Gefängnis für zwei Millionen Menschen macht. Initiiert wurden die Proteste von verzweifelten Menschen, an denen an beiden Wochenenden jeweils 20 000-30 000 teilnahmen. 

Einer der Initiatoren ist der 43 Jahre alte Lehrer Al-Kurd, der anlässlich der alljährlichen Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Palästinenser durch die Israelis bzw. wegen der Staatsgründung Israels auf die desaströse Situation der eingesperrten Menschen im Gazastreifen aufmerksam machen will. Das Aufbegehren der Bewohner in diesem abgeriegelten Küstenstreifen kam aus der Mitte der Gesellschaft. 

In einem friedlichen Protest zogen die Menschen Richtung Grenze, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, um die Welt wachzurütteln. Fahnen der Hamas (oder anderen politischen Gruppen) waren weit und breit nicht zu sehen, wenn sich auch Mitglieder der Hamas (und Fatah) dem Protest angeschlossen haben. Die Weltpresse, ganz besonders auch in Deutschland verdreht diese Tatsache und beschuldigt die Hamas, die Proteste initiiert und gesteuert zu haben. Die Medien behaupten die Hamas habe die Jugendlichen mit Steinen und brennenden Autoreifen an den Zaun geschickt, um in dieser geradezu lächerlichen Unterlegenheit gegen eine der am höchsten gerüsteten Armee der Welt vorzugehen. 

Übrigens, die Hamas, deren Politik auch von Menschen in Gaza kritisiert wird, wird in den deutschen Medien dämonisiert, indem ihr immer das Etikett „radikal islamisch oder islamistisch“ angehängt wird. Ich habe in Deutschland gelebt und weiß, dass mit dem

Wort „radikal“ nichts Gutes verbunden wird. Und viele Menschen wittern beim Wort „islamisch“ oder „Islam“ schon so etwas wie Gefahr. Mit dieser Etikettierung werden wir alle in Gaza zu latent gefährlichen Menschen. So funktioniert die Sprache, denke ich. 

Ich bin wirklich erstaunt, dass die Menschen in Deutschland und anderswo glauben, dass wir die Existenz Israels bedrohen könnten. Opfer und Täter werden absichtlich verwechselt. Heute sind WIR die Opfer. Ich glaube, das will man in der Welt nicht sehen, weil die historische Schuld, die die Welt und ganz besonders Deutschland zu tragen hat, es nicht erlaubt zu sehen, dass heute uns Palästinensern großes Unrecht zugefügt wird. UNS wurde das Land geraubt, WIR wurden vertrieben, WIR leben eingezäunt wie „wilde Tiere“ unter menschenunwürdigen Bedingungen. 

Ich bin realistisch, was uns genommen wurde, werden wir wahrscheinlich nicht zurückbekommen. Aber warum betrachtet die Welt unseren Wunsch nach 70 Jahren in unser Land zurückzukehren als unerhört und unverschämt, den Anspruch der Israelis nach 2000 Jahren dahin zurückzukehren, wo sie einst gelebt haben aber als völlig legitim? Wie kann es sein, dass übersehen wird, dass sich innerhalb von 2000 Jahren die territorialen Verhältnisse geändert haben? Wie kann es sein, dass die Vertreibung und Flucht der Palästinenser aus ihren Häusern, von ihren Grundstücken, aus ihrer Heimat, in der sie Jahrhunderte gelebt haben, nicht einmal thematisiert wird. Und wie kann es sein, dass die Welt der Landenteignung durch die Siedler meist stumm zuschaut oder sie sogar akzeptiert? Mit welchem Recht geschieht mir und uns das alles?

Wenn wir heute auch nur ein menschenwürdiges Leben fordern, wird auf uns in Gaza geschossen, werden wir in der Welt als Terroristen bezeichnet, können die israelischen

Soldaten auf uns schießen, ohne dass es einen Aufschrei in der Welt gibt. Das Vorgehen der israelischen Soldaten wird gebilligt, einmal abgesehen, von kaum hörbaren Ermahnungen, die die Israelische Regierung sowieso nicht interessieren, ganz egal, ob laut oder leise vorgetragen. 

Um diesen völkerrechtswidrigen und unmenschlichen Zustand zu erhalten, schießen die Scharfschützen nach Angaben der israelischen Armee gezielt auf Palästinenser, die angeblich versuchen, den Grenzzaun zu beschädigen. Man muss es sich einmal vorstellen, die Beschädigung eines Zaunes berechtigt zum Schusswaffengebrauch. Eine nationale Grenze besteht nicht zwischen dem Gazastreifen und Israel, denn Grenzen in diesem Sinn bestehen nur zwischen souveränen Staaten. Israel hat eine lückenlose Sperranlage mit einem Zaun, Pfosten, Sensoren und Pufferzonen um den Gazastreifen gelegt. Eine von Israel angelegte sogenannte Sicherheitszone ist 300 Meter breit. Hier herrscht Schießbefehl wie früher an der Berliner Mauer. Dieser Bereich ist nicht deutlich markiert. Auf bzw. hinter einem aufgeschütteten Sandwall liegend haben die Soldaten an den vergangenen Freitagen in die Menge der Protestierenden geschossen, die sich mindesten 300 Meter entfernt dem Zaun auf dem Gebiet des Gazastreifens befanden. Offenbar konnten sie aus dieser Entfernung genau erkennen, wer ein Terrorist war, der möglicherweise einen Stein 300 Meter weit werfen und sie in Gefahr bringen könnte. (Entschuldigen Sie meine Ironie!) Eine unterirdische Mauer befindet sich übrigens im Bau. Gut beschrieben finden Sie die Situation bei Wikipedia unter dem Stichwort „Sperranlage um den Gazastreifen“.

Am Karfreitag, den 30. März und am Freitag, den 6. April wurden zusammen mindestens 31 Palästinenser getötet und mehr als 2800 verletzt, sehr viele von ihnen erlitten Schussverletzungen. Allein am vergangenen Freitag, den 6.4. wurden 491 Menschen durch gezielte Schüsse verletzt, darunter auch Frauen und Kinder. Einige schweben in Lebensgefahr, viele der Überlebenden mussten an ihren Extremitäten amputiert werden. Kaum können die Verletzten angemessen versorgt werden, weil es an medizinischem Material fehlt. Verletzungen erlitten sehr viele Menschen durch Tränengasbomben, die von Drohnen abgeworfen wurden. 

Was war das „Verbrechen“, auf das Israel mit ihrer militärischen Übermacht reagierte?  Ist es ein „Verbrechen“, wenn 30 000 und mehr Menschen gegen die unerträglichen Lebensverhältnisse protestieren? 

Sollen wir schweigen, wenn wir seit mehr als 10 Jahren in einem Gefängnis leben müssen? 

Wenn wir nur vier Stunden Strom am Tag haben? 

Wenn es kein sauberes Wasser gibt? 

Wenn die medizinische Versorgung fast zusammen bricht, weil weder Medikamente, noch medizinische Geräte ausreichend vorhanden sind, weil sie nicht nach Gaza reingelassen werden? 

Wenn über 60% der Jugendlichen arbeitslos sind? 

Wenn weit über die Hälfte der Bevölkerung auf internationale Lebensmittelhilfe angewiesen ist? 

Wenn diejenigen, die noch Arbeit haben, nur 40-50% ihres eigentlichen Gehaltes bekommen? 

Und vor allem, wenn wir aus diesem kleinen Gebiet, das etwa so groß ist wie Bremen, nicht raus dürfen?  

Machen WIR etwa den Israelis das Leben zur Hölle? Oder ist es nicht doch anders herum? 

Auch wenn ich mich nicht an den Protesten beteilige, weil ich Angst vor den Schüssen der Israelis habe, (sollten sie in die Menge schießen), so kann ich die hilflose Wut der jungen Leute verstehen, die keine Aussicht auf ein Leben in Würde haben, die so behandelt werden, als seien sie alle Terroristen, die nichts anderes im Sinn haben als andere Menschen zu verletzen, zu erniedrigen oder gar zu töten. Unsere jungen Leute sind nicht als Terroristen geboren worden. Sie wollen leben wie alle jungen und alten Menschen überall auf der Welt, nämlich in Frieden und in menschenwürdigen Verhältnissen. Und sie sehen, dass nur wenige Kilometer entfernt im Nachbarland, häufig auf dem Boden ihrer Großeltern, Menschen leben, die all das haben, was ihnen selbst verwehrt wird. Genau das lässt sie verzweifeln und macht sie wütend. Sie wissen, dass sie verlieren werden, dass sie wahrscheinlich schon verloren haben und sie deshalb nichts mehr zu verlieren haben. Sie wissen, dass ihnen keine Achtung und kein Respekt entgegen gebracht wird, weil sie Palästinenser sind. Dass sie unrechtmäßig von der Welt als die Bösen angesehen werden und die Nachbarn, nicht weit entfernt, immer als die Guten gesehen werden, gleichgültig wie brutal sie sich verhalten. 

Niemand mag gern vom Leid, vom Elend der Anderen hören, besonders dann nicht, wenn man nicht weiß, wie man etwas ändern kann. Aber vielleicht können Sie doch etwas tun. Vergessen Sie uns nicht! Lesen, hören und sehen Sie die Berichte über uns, über die Palästinenser und vielleicht sogar über die „radikal islamische“ Hamas kritisch. Lassen Sie vielleicht auch die Frage zu, welches Motiv dahinter stecken mag, dass sehr viele, wenn nicht die meisten Menschen geneigt sind, Israel immer in Schutz zu nehmen, hingegen die Palästinenser für die Bösen zu halten, die angeblich selbst Schuld sind, dass sie in Gaza wie Gefangene unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. 

Zum Schluss möchte ich noch wiedergeben, was Gideon Levy in Haaretz geschrieben hat:

 “Es ist nicht schwer sich vorzustellen, was passiert wäre, wenn ein Siedler niedergestochen worden wäre – Rundfunk vor Ort, Studios würden geöffnet. Aber in Gaza haben die israelischen Verteidigungskräfte erbarmungslos weiter massakriert, in einem grauenvollen Rhythmus, während Israel Pessach feiert“. 

Es gibt Israelis, bei denen ich mich für ihren Mut und ihre Humanität bedanken möchte. Neben einigen anderen möchte ich ganz besonders Amira Hass und Gideon Levy hervorheben. Beide schreiben als Journalisten für die Zeitung Haaretz. Im Zusammenhang mit den Protesten in Gaza möchte ich mich bei der Organisation B’tselem bedanken, in der sich ehemalige Soldaten zusammengefunden haben, die ihr eigenes Vorgehen während ihrer Militärzeit selbstkritisch dokumentieren. Jetzt haben sie eine Kampagne mit Anzeigen in israelischen Zeitungen gestartet, die lautet: „Sorry Commander, I cannot shoot.“ Sie fordern die Soldaten am Sperrzaun zu Gaza auf, nicht auf unbewaffnete Protestierende zu schießen, weil dies illegal ist. 

Wenn ich sehr verzweifelt bin, machen mir diese Menschen Mut und Hoffnung, dass ich und vor allem meine Kinder es eines Tages erleben werden, dass Israelis und Palästinenser im jeweils eigenen Staat oder vielleicht auch in einem Staat friedlich nebeneinander leben können.

Ich hoffe, dass nicht noch mehr Menschen verletzt oder erschossen werden in den nächsten Wochen. In Deutschland habe ich den Satz gehört „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ Ich wünsche mir, dass sich alle daran halten und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Ihr

Dr. Abed Schokry

Der Begriff Antisemitismus hat zur Zeit Hochkunjunktur. Nach dem Vortrag von Jeff Halper im November 2017, der von der Heidelberger Palästinainitiative zusammen mit unserem Verein organisiert wurde, wurde in der RNZ gegenüber Jeff Halper und den Veranstaltern ebenfalls der Antisemitismusvorwurf erhoben. Das hat den Vorstand veranlasst, das untenstehende Papier zu erarbeiten.

Hochkonjunktur für den Antisemitismus-Vorwurf – in wessen Interesse?

Seit Jahren arbeiten wir am Thema Israel/Palästina in der Öffentlichkeit. Unser Ziel ist es, auf die Lage im Nahen Osten aufmerksam zu machen, die Entwicklung zu verstehen und so einen Beitrag zu einer friedlichen Lösung zu leisten. Wir wenden uns an unsere eigene Gesellschaft und die gewählten politischen Repräsentanten. Wir arbeiten permanent mit Friedensaktivist/innen Israels und Palästinas zusammen. Viele von uns gehören zu der Generation, die die „Unfähigkeit zu trauern“ durchbrochen haben. Wir haben die Lektion aus der Geschichte des deutschen Faschismus gelernt und gelehrt. Viele halfen in Israel in den Kibbuzim, waren beteiligt an der Aktion der Pflastersteine, sorgten für Erinnerung an ehemalige Synagogen und die Deportation, besuchten mit Schulklassen Konzentrationslager.

Die Lektion aus der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte kann nur sein: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Lösen wir Konflikte und Interessensgegensätze im geduldigen Dialog und im gegenseitigen Respekt. Achten wir die Menschenrechte.

Wir schicken das voraus, weil wir bei unserem Anliegen eines Friedens im Nahen Osten immer bestrebt sind, diese Werte zu beachten. Wir erkennen nach den Verbrechen des deutschen Faschismus selbstverständlich das Existenzrecht Israels an. Wir erkennen ebenso das Existenzrecht der Palästinenser auf demselben Territorium an. Wie soll Frieden anders möglich sein? Wir bemühen uns um einen Ausgleich – historisch, aktuell politisch, gewaltfrei, versöhnlich. Wir tun das mit unseren Möglichkeiten an unserem Platz in unserer Zeit.

Dabei werden unsere Initiativen seit Jahren an dieser konstruktiven Arbeit behindert: Bundesweit werden in einigen Großstädten Ausstellungs- und Veranstaltungsorte aufgekündigt, Veranstaltungen gestört. In letzter Zeit wird zunehmend der Versuch unternommen, die Vergabe von öffentlichen Räumen für unser Anliegen zu blockieren. Als einzige Begründung für diese Blockadepolitik wird immer inflationärer der schwerwiegende Vorwurf des „Antisemitismus“ gegen uns erhoben.

Es wäre erstens zu klären, warum dieser Vorwurf erhoben wird.

Und es ist zweitens zu klären, welche Interessen hinter diesem Vorwurf stehen.

Erstens:

Der Vorwurf des Antisemitismus disqualifiziert denjenigen, gegen den er erhoben wird, als Rassisten und rückt ihn in das ideologische Umfeld des Faschismus. Die nächste Stufe wäre der Straftatbestand der Volksverhetzung, die staatsanwaltschaftlich bearbeitet werden müsste. Wer uns in diese Ecke manövrieren will, enthebt sich auf bequeme Art der Mühe, sich intellektuell mit uns auseinanderzusetzen. Das kann zwei Gründe haben. Zum einen kann es sein, dass unsere Argumente und unsere Werte nicht einfach anzugreifen und zu widerlegen sind. Zum anderen kann es sein, dass eine geistige Auseinandersetzung zumal in der Öffentlichkeit, unsere Arbeit bekannter machen und eventuell überzeugender wirken lassen würde, als es unseren Antipoden  recht ist.

Zweitens:

Damit stellt sich die Frage, welche Interessen hinter dem grobschlächtigen Vorwurf des „Antisemitismus“ stehen. Es gibt einen Konsens in der aktuellen deutschen, europäischen und UN-Politik, die die Politik der israelischen Regierungen seit Jahren auf die Völkerrechtswidrigkeit und Illegalität der Besiedlung des seit 50 Jahren besetzten Westjordanlandes hinweist. Diese Besiedlung ist einer der bedeutenden Gründe, warum Friedensverhandlungen nicht in Gang kommen. Diesen Konsens teilen auch wir und weisen in unserer Öffentlichkeitsarbeit immer wieder darauf hin. Wir weisen auch hin auf den asymmetrischen Krieg, durch den Israels Militärpolitik das Leben der Palästinenser täglich erschwert und terrorisiert. Der palästinensische Terror ist deshalb gewiss nicht gerechtfertigt, aber leider ein Ausdruck der Ohnmacht und Verzweiflung. Wir sind überzeugt, die palästinensische Bevölkerung sehnt sich in ihrer Mehrheit ebenso nach Frieden wie die Mehrheit der Bevölkerung Israels. Und dennoch gibt es Kräfte seitens der ultrareligiösen Gruppen und der Siedlerpartei, die auf eine militärische „Lösung“ und auf die Annexion des Territoriums Palästinas bis zum Jordan setzen, das ihnen als Stammland zustünde. Dass jedoch durch Unterdrückung eine Befriedung der dort lebenden Menschen und der Interessensgegensätze herauskommen kann, ist realpolitisch nicht vorstellbar. Die Politik der israelischen Regierung ist in dieser Frage destruktiv. Und das wird auch international so gesehen. Die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) sieht z. B. in der Boykott-Desinvestment-Sanktionen-Kampagne (BDS) ein legitimes Mittel, von Israels Politikern die Einhaltung des Völkerrechts einzufordern. Das kann nicht als „antisemitisch“ geschmäht werden. Wer unsere öffentliche Kritik an der israelischen Regierungspolitik als „Antisemitismus“ diffamiert, hat klare Interessen Unrecht zu vertuschen. Denn Kriege werden auch in den Köpfen der Menschen gewonnen oder verloren. Ob es sich beim Patriotismus unserer Antipoden um echte Überzeugung oder beeinflusste Ignoranz handelt, wissen wir nicht, da sie leider nicht mit uns reden. Sie wollen uns sogar an der Ausübung unserer Friedensarbeit hindern. Sonst würden wir sie gerne fragen, was sie selbst für die Einhaltung der Menschenrechte im Konfliktgebiet Naher Osten tun. Wie sie sich eine Friedenslösung vorstellen und auf welchem Weg diese zu erreichen wäre. Wir würden sie fragen, ob ihre berechtigten Sicherheitsinteressen auch für „Araber“, wie sie die Palästinenser nennen, gelten. Oder ob sie fortfahren wollen, dass der palästinensischen Bevölkerung alles Lebenswichtige – Wasser, Strom, Wirtschaft, Hausbau, Verkehr, Finanzen und Recht – durch israelische Besatzungsmacht blockiert und sanktioniert wird, wie seit 50 Jahren schon?!

Fazit:

Aktuell wird der Versuch gemacht, unsere Friedensarbeit als „linken Antisemitismus“ zu diffamieren. Wer diesen Versuch unternimmt, nimmt dabei billigend in Kauf, dass der Begriff inflationär entwertet wird und die Geschichte der Judenverfolgung unverantwortlich verfälscht. Das ist intellektuell unredlich und im Ergebnis sehr gefährlich. Es kann nicht sein, dass das Eintreten für Menschen- und Völkerrecht als Rassismus pervertiert wird, nur weil der Vorwurf ins politische Kalkül passt, unliebsame Andersdenkende mundtot zu machen. Der Vorwurf des „Antisemitismus“ wird so zur Phrase missbraucht. Von dieser unlauteren Vorgehensweise werden wir uns nicht aufhalten lassen. Vom Rassismus jeglicher Form distanzieren wir uns entschieden.

Bildung und Begegnung Palästina e.V. Wiesloch

  1. Januar 2018 Der Vorstand

 13.8.2017

Im Jahr 2017 kam Bewegung in die politischen Beziehungen zwischen Israel und Palästina. Während Israels Regierung sich immer weiter isoliert, erfährt Palästina mehr internationale Anerkennung. Nachdem der UN-Sicherheitsrat in seiner Resolution 2334 den sofortigen Stopp des Siedlungsbaus im Westjordanland gefordert hatte, antwortete die Regierung Netanjahu im Februar mit einem Gesetz, das alle illegalen Siedlungen im Nachhinein legalisiert. Selbst der Staatspräsident Rivlin sieht diese Abstimmung des israelischen Parlamentes kritisch, die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem verurteilt sie.

Die Regierung Netanjahus isoliert sich international immer mehr. Die politischen Reaktionen auf das Gesetz nehmen zu. Die EU verurteilte es umgehend. Papst Franziskus lud Palästinenserpräsident Abbas nach Rom ein. Der Vatikan, der schon 2015 Palästina als souveränen Staat anerkannt hat, will nun eine Botschaft einrichten. Deutsche Politiker treffen bei ihren Besuchen im Heiligen Land Vertreter beider Seiten. Außenminister Gabriel besuchte im April Israel und Palästina. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte sein Treffen mit der israelischen Organisation „Breaking the Silence“, ehemalige Soldaten, die bei ihrem militärischen Auftrag auch die Menschenrechte im Blick haben. Bundespräsident Steinmeier traf im Mai beide Präsidenten und sprach sich für erneute Friedensverhandlungen mit dem Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung aus.

Aus baden-württembergischer Sicht ist der Besuch von Ministerpräsident Kretschmann mit einer Delegation aus Wirtschaft und Wissenschaft von Interesse. Baden-Württemberg unterstützt die Start-up Kultur in Israel. Und es unterhält wirtschaftspolitische Partnerschaftsprogramme mit Palästina.

In diesem Rahmen handelt es sich um Partnerhochschulen und –Betriebe (z. B. IT, Solartechnik, Köche und Goldschmiede). Hier werden Schul- und Ausbildungsprogramme angeboten.

Bei ihrer Reise besuchte die Delegation auch das „Tent of Nations“ des palästinensischen Christen Daoud Nassar, der seinen Besitz im Westjordanland gegen zunehmende Umzingelung illegaler Siedlungen behauptet.

Diese internationale Präsenz und Öffentlichkeitsarbeit, sei es auf wirtschaftlicher, politischer, kultureller oder humanitärer Ebene erhält die Hoffnung auf einen Friedensprozess. Menschliche Kontakte, Handel und Partnerschaften schaffen Palästina ein Stück Normalität und Mitgliedschaft in der internationalen Gemeinschaft. Und von der demokratisch verfassten israelischen Gesellschaft ist die Erkenntnis zu erwarten, dass es auch ihrem Sicherheitsinteresse entspricht, wenn ein nachhaltiger Friedensprozess nach Menschen- und Völkerrecht zustande kommt.

Jörg Haberer

Renate Schenk

Es gibt eine Lösung

„Terror ist der Krieg der Armen, Krieg ist der Terror der Reichen“ – dieser Satz von Sir Peter Ustinow passt zum Konflikt zwischen Israel und Palästina seit der Besatzung der Palästinenser-Gebiete seit einem halben Jahrhundert.

Palästinenser töten aus dem Hinterhalt. Israels hochgerüstetes Militär kontrolliert seit 50 Jahren palästinensisches Gebiet und provoziert mit willkürlichen Zerstörungen, Landnahme durch illegale Siedlungen, Kontrolle über die Energie- und Wasserversorgung sowie der Geld-und Handelsströme. Verhaftungen und Tote sind an der Tagesordnung.

Im aktuellen Konflikt am Tempelberg hat die Regierung Netanjahus die Metalldetektoren entfernen lassen und damit erst mal der Empörung der arabischen Welt vorgebeugt. Eine Entwarnung ist jedoch nicht zu erwarten. Der Einstieg in einen Friedensprozess bleibt Illusion. Einem „Jüdischen Staat“ bis zum Jordan, wie ihn Netanjahus Regierung anstrebt, wäre ein palästinensischer Staat im Wege.

Neben der Besatzung gibt es den Kampf um die mentale Hoheit in der Bewertung um die 50-jährige Besatzung. Es stört Netanjahu, dass die illegale Besiedlung des besetzten Gebietes international, völkerrechtlich und auch vom Parlament der EU verurteilt wird. Bei seinem Besuch in Ungarn ließ er im Gespräch mit Orban uns Europäer wissen, dass er uns für „verrückt“ halte. Ebenso störte es Netanjahu, dass der deutsche Außenminister sich mit Vertretern der Soldaten von „Breaking the silence" (Das Schweigen brechen) getroffen hat. Diese Gruppe des israelischen Militärs stellt das Vorgehen im Westjordanland und Menschenrechtsverletzungen in Frage. Ein Treffen mit diesen Soldaten kommt einer „Fraternisierung" mit „Defätisten" gleich.

Doch genau diese Front in der Mitte der tief gespaltenen israelischen Gesellschaft gilt es zu stärken, wenn der Frieden eine Chance bekommen soll. Sowohl in Israel als auch in Palästina gibt es konstruktive zivile Kräfte. Auf israelischer Seite „Frauen wagen Frieden“, das „Kommitee gegen Hauszerstörung“, Machsom Watch, „Breaking the Silence“, unterstützt durch ehemalige Geheimdienstchefs. Auf Seiten Palästinas wären „Tent of Nations – wir weigern uns, Feinde zu sein“, die Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser und viele Begegnungen in Kultur und Sport zu nennen. Religiöser Fanatismus auf beiden Seiten führt in eine immer fatalere Gewaltspirale, bei der es nur Verlierer geben kann.

Die Zivilgesellschaften vor Ort, in Deutschland und in Europa müssen sich Gehör verschaffen.

Renate Schenk

Jörg Haberer